Ganztagsunterricht stellt Musikschulen vor Probleme

Halterner Zeitung, Samstag, 21. Juni 2014

Nur noch wenig Zeit zum üben

Ganztagsunterricht_ProblemeHALTERN. Frühstück um sieben, Schule bis 16 Uhr, dann noch schnell mit den Freunden verabreden und am Abend zum Sport: So sieht seit den Einführung der Ganztagsschulen in NRW auch für viele Schüler in Haltern der Alltag aus. Darunter leiden die Kinder, aber auch Vereine und – vor allem die Musikschulen. Viele klagen nun über unkonzentrierte Schüler und schwindende Mitgliederzahlen. „Manche Schüler haben doch mittlerweile einen längeren Tag, als so mancher Berufstätige“, sagt Matthias Engicht, Leiter der privaten Musikschule El Ritmo. Er klagt: Die Konzentration für den Musikunterricht lasse nach einem ganztätigen Schultag deutlich nach, das Musizieren gestalte sich schwierig: „Das ist doch logisch, wenn die Kinder schon um sechs auf den Beinen sind“, so Engicht. Vor allem das tägliche Üben von zuhause aus, sagt er, komme durch den langen Schultag zu kurz.

Sinkende Schülerzahlen

Ganztagsunterricht_Probleme2Und auch auf die Schülerzahlen der Musikschule wirke sich der Ganztagsunterricht aus, „obwohl das generelle Interesse an der Musik nicht verloren gegangen ist“, wie Engicht berichtet. Auch Jacek Stam, Inhaber der Musikschule Preludio, stimmt dem zu. Gut 30% weniger Kinder im Schulalter besuchen seine Musikschule im Vergleich zu Zeiten vor der Einführung der Ganztagsschulen. „Wir müssen uns mehr auf die Termine der Kinder einstellen und mittlerweile sogar am Samstag Unterricht an.“ Für Kinder, die nach Ganztagsunterricht direkt zur Musikschule kamen, zeigt Stam große Bewunderung.

Kompromisse eingehen

Ganztagsunterricht_Probleme3Horst Kilp von der gleichnamigen Musikschule, sagt unterdessen: „Es kommt jetzt auch auf die Anzahl der Lehrer, die Lehrmethode und darauf an, dass man Kompromisse in Sachen Terminen macht“. Mit Volksliedern und altem Material sei niemand mehr zu locken. Dennoch sieht auch er das Problem der Ganztagsschulen: „Je länger ein Kind geistig arbeitet, desto schneller ist der Akku leer.“Doch das Thema Ganztagsunterricht ist nicht nur eines der privaten Musikschulen. „Die Probleme sehen wir auch“, sagt Verena Voß, Leiterin der städtischen Musikschule Dülmen und Haltern. Termine lassen sich nur schwer vereinbaren und Schüler kämen aufgrund der wenigen Freizeit oft unvorbereitet in den Unterricht. Dass Kinder nach einem langen Schultag nicht mehr konzentriert genug für das Musizieren seien, will Voß nicht pauschalisieren: „Die Kinder gehen unterschiedlich mit diesem Problem um.“     -dg-

 

Siehe: sehr interessanter Bericht aus Hamburg:

Verdrängt die Ganztagsschule die Begabtenförderung in Musik?

(…) Wir brauchen beides: mehr Musikunterricht in der allgemein bildenden Schule, weil er die Grundlage der musikalischen Bildung ist und darüber hinaus ein nachgewiesen erfolgreicher Weg zu einer entwickelten, zu einer vielseitig entwickelten Persönlichkeit ist, und wir brauchen Schulstrukturen, die auch die darauf aufbauende musikalische Talentförderung, Begabtenförderung, Einzelförderung mit einbeziehen. Dieser Bildungsaufbau darf durch die Ganztagsschule nicht beschädigt werden!Kurt Masur hat sicher Recht: Sonst werden es eines Tages nur noch chinesische Orchester sein, die uns in Deutschland die Sinfonien von Ludwig van Beethoven vorspielen! [mehr]

 

Ganztagsschule – Kontroverse: Pro und Contra bei Wikipedia

Pro: Als ein Vorteil der Ganztagsschulen gegenüber den Normalschulen wird die Möglichkeit zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrern genannt, da es am Nachmittag meist lockerer zugeht als während des morgendlichen Unterrichts; es wird einen großen Wert auf offene Lernformen gelegt. Die Klassengemeinschaften verbringen längere Zeit zusammen als in anderen Schulen, was das Sozialleben positiv beeinflusst. (…)Contra: Zentrale Folgewirkung einer ganztägigen Betreuung ist, dass der erzieherische und bildende Einfluss der Eltern auf ihr Kind zu Gunsten des Einflusses der Schule und des Einflusses der selbstbestimmten Peer Group abnimmt. Zudem gehe den Kindern die zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit notwendige Freizeit verloren (…)

 

Toni Hansel: Ganztagsschule. Halbe Sache – grosser Wurf?: Schulpädagogische Betrachtung eines bildungspolitischen Interventionsprogramms – Taschnebuch

   Die Ganztagsschule ist keine Erfindung unserer Tage, auch wenn der gelegentlich missionarisch anmutende Eifer, mit dem seit PISA-O über dieses Schulmodell geschrieben, diskutiert und mitunter gestritten wird, eine solche Vermutung nahe legt.Dabei sind Zweifel durchaus begründet, ob alle dasselbe meinen, wenn sie von Ganztagsschule reden. Mit dem Grundwort Schule verbinden sich Vorstellungen vom institutionalisierten Lernen im Kontext allgemeiner Bildung – aber das trifft auf die Halbtagsschule ebenso zu wie auf die Ganztagsschule.
Die öffentliche Debatte hat noch nicht deutlich werden lassen, was den Schultypus Ganztagsschule von der Halbtagsschule abhebt – sind es doch nur Stunden, die die Schüler nun zusätzlich in der Schule verbringen sollen?
Diese und andere Fragen werden in dem Band von ausgewählten Fachleuten diskutiert, z.T. kontrovers, weil die Erwartungen gegenüber der Ganztagsschule ein breites Spektrum von Motiven offenbart: pädagogische, bildungs- und sozialpolitische, kulturwissenschaftliche, sozialpädagogische, ökonomische und betriebswirtschaftliche Motive, die z.T. gegenläufig wirken.
Dabei wird deutlich, dass PISA kaum geeignet ist, die Einrichtung von Ganztagsschulen hinreichend zu begründen, denn unter Gewinnern und Verlierern in PISA finden sich Länder mit und ohne Ganztagsschulsystem.